Ich bin einer von denen…

Ich bin einer von den Sonntagschristen

einer von denen, bei denen sich nicht ihr ganzes Leben um Kirche und Gemeinde dreht

einer von denen, die noch ein echtes Leben in einer echten Welt haben

einer von denen, die sich nicht manipulieren lassen, durch ständige Anwesenheit und psychologische Überwachung

Ich bin einer von den U-Boot-Christen

einer von denen, die nur auftauchen, wenn es wirklich brenzlig ist

einer von denen, die offen zugeben, dass ihre Religion nur ein wirksamer Mechanismus gegen ihre existentiellen Ängste ist

einer von denen, die offen zugeben, dass ihre Religion auch eine andere hätte sein können, wären die Lebensumstände denn andere gewesen

Ich bin einer von den Lauwarmen

einer von denen, die wissen, dass Heißes und Kaltes nur Schmerzen bereitet

einer von denen, die den Weg der Mitte suchen und das Extrem, das zum Extremismus führt, vermeiden

einer von denen, die die Menschen um sich herum und ihre Meinungen respektieren und sie in Ruhe und Frieden ihr Leben leben lassen

Ich bin einer von den Ungläubigen

einer von denen, die um den hohen Wert, aber auch die Grenzen menschlicher Vernunft wissen

einer von denen, die die stereotypen, frauenfeindlichen, homophoben, gewaltverherrlichenden Gottesbilder satt sind

einer von denen, für die das Wort „Gott“ auf kein personales Objekt dieser Welt refferiert

Ich bin Ich!

 

Truth in the Postmodern condition

Truth is a form of life, not merely the property of a proposition. […] Dis-sensus is not a defect. It is the basis of future developments, a sign that there are still issues that need our attention, that the discussion is not yet closed, that someone out there is still suffering or disadvantaged, that the event is still astir. […] The only limit we put on this is violence, when people stop talking and start shooting. The future is always open and the democratic faith is that the future is always better, not because it always is, as a matter of fact, but because that is our faith, the faith of a postmodern.

John D. Caputo: Truth – Philosophy in Transit, 2013, S. 99.

Karl Barth über Theologie und Naturwissenschaft

Karl Barth im Lehnstuhl. Hinter ihm Bücherregal. Vor ihm kleines Tischchen mit Buch, Schnapsglas und Weinglas.Es ist sehr schwer, in Barths Gesamtausgabe, geschweige denn in seiner Kirchlichen Dogmatik etwas über Evolutionstheorie oder generell über das Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaft zu finden. Barth war sicherlich so sehr Theologe, dass er eben das tat, was er am besten konnte, nämlich zu theologisieren. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass Barth im einleitenden Paragraphen der Kirchlichen Dogmatik den Wissenschaftsbegriff, wie er in unserer Zeit üblich und sinnvoll ist, als ungenügend für die Dogmatik und so für das Wesen der Theologie an sich erklärt.

Und gerade diesen Wissenschaftsbegriff (gemeint ist Widerspruchslosigkeit, Kohärenz, Nachprüfbarkeit, Vereinbarkeit mit Physik, Unabhängigkeit und Axiomatisierung) kann die Theologie nur rundweg als für sie unannehmbar erklären. Schon das Mindestpostulat der Widerspruchsfreiheit ist für die Theologie nur in ganz bestimmter, für den Wissenschaftstheoretiker schwerlich tragbarer Interpretation annehmbar: Die Theologie wird zwar keine prinzipielle Unaufhebbarkeit der von ihr geltend zu machenden „Widersprüche“ behaupten. Aber die Sätze, in denen sie ihre Aufhebung behauptet, werden Sätze über das freie Handeln Gottes und also keine die Widersprüche „aus der Welt schaffenden“ Sätze sein.

Im Vorwort zum Band III/1 der KD, der das Thema Schöpfung beinhaltet, schreibt Barth:

Man wird mir vermutlich vorhalten, warum ich mich mit den in diesem Zusammenhang naheliegenden Fragen der Naturwissenschaft nicht auseinandergesetzt habe. Ich meinte es ursprünglich tun zu müssen, bis es mir klar wurde, daß es hinsichtlich dessen, was die heilige Schrift und die christliche Kirche unter Gottes Schöpfungswerk versteht, schlechterdings keine naturwissenschaftlichen Fragen, Einwände oder auch Hilfsstellungen geben kann. So wird man in diesem Mittelpunkt des vorliegenden Buches von «naiver» hebräischer «Sage» sehr viel, von der hier vielleicht erwarteten Apologetik und Polemik aber gar nichts finden. […]

Die Naturwissenschaft hat freien Raum jenseits dessen, was die Theologie als das Werk des Schöpfers zu beschreiben hat. Und die Theologie darf und muß sich da frei bewegen, wo eine Naturwissenschaft, die nur das und nicht heimlich eine heidnische Gnosis und Religionslehre ist, ihre gegebene Grenze hat. Es ist aber auch meine Meinung, daß künftige Bearbeiter der christlichen Lehre von der Schöpfung in der Bestimmung des Wo und Wie dieser beiderseitigen Grenze noch dankbare Probleme finden werden.

Barth sieht eben kein Entweder/Oder zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und Offenbarungerkenntnis in der Theologie. Jede hat ihr eigenes Recht. Dennoch gesteht Barth zu, dass zukünftige Theologen sich mehr noch mit den naturwissenschaftlichen Theorien auseinandersetzen werden müssen. Eine weise Voraussicht.

Über die Evolutionstheorie, Barth nennt sie Abstammungslehre, kann er Positives an seine Nichte Christine Barth im Februar 1965 schreiben:

Hat euch im Seminar niemand darüber aufgeklärt, daß man die biblische Schöpfungsgeschichte und eine naturwissenschaftliche Theorie wie die Abstammungslehre so wenig miteinander vergleichen kann wie, sagen wir: eine Orgel mit einem Staubsauger! – daß also von «Einklang» ebensowenig die Rede sein kann wie von Widerspruch?

Die Schöpfungsgeschichte ist ein Zeugnis vom Anfang, vom Werden aller von Gott verschiedenen Wirklichkeit im Licht des späteren Handelns und Redens Gottes mit dem Volk Israel – natürlich in Form einer Sage undDichtung. Die Abstammungslehre ist ein Versuch der Erklärung jener Wirklichkeit in ihrem inneren Zusammenhang – natürlich in Form einer wissenschaftlichen Hypothese.

Die Schöpfungsgeschichte hat es gerade nur mit dem der Wissenschaft als solcher unzugänglichen Werden aller Dinge und also mit der Offenbarung Gottes zu tun – die Abstammungslehre mit dem Gewordenen, wie es sich der menschlichen Beobachtung und Nachforschung darstellt und zu seiner Deutung einladet. Die Stellungnahme zur Schöpfungsgeschichte und zur Abstammungslehre kann nur dann ein Entweder-Oder bedeuten, wenn jemand sich entweder dem Glauben an Gottes Offenbarung oder dem Mut (oder auch der Gelegenheit) zu naturwissenschaftlichem Deuten gänzlich verschließt.

Sag also der «angehenden Lehrerin», daß sie unterscheiden solle, was zu unterscheiden ist, und daß sie sich dann nach keiner Seite gänzlich verschließen soll.

Ich finde diese letzte Position Barths in Hinblick auf das Verhältnis Theologie und Naturwissenschaft sehr interessant. Den Schöpfungserzählungen als Sage spricht er einen wichtigen Beitrag zum Nachdenken über das Werden an sich zu, aber der Evolutionstheorie die Aufgabe der faktischen Darstellung des Gewordenen. Man solle sich also dem einen, wie dem anderen nicht verschließen, das heißt offen bleiben.

Die Frage bleibt natürlich, wie hätte Barth manches anders gesagt, wenn er das Nachdenken über Evolution schon viel früher in seine Dogmatik mit einbezogen hätte? 1965 ist schließlich nur drei Jahre vor seinem Tod. Vor Studenten des Princeton Seminars sagte Barth einmal sinngemäß, dass selbst sein eigenes Denken einem Entwicklungsprozess unterliegt, der nie ganz abgeschlossen sein kann (Hier das Audiofile – ab ca. Min. 11:15 – sehr amüsant!). Ich denke, Barth hätte über die Evolutionstheorie noch viel Positives zu sagen gehabt, er hätte sie aber auch klar in ihre natürlichen Schranken gewiesen. Auch wenn Barths Denken über Theologie und Naturwissenschaft sehr versteckt ist, so halte ich doch das wenig Gesagte für sehr brauchbar und als einen guten Anstoß zum Weiterdenken.

Evolutionstheorie: warum schon in der Grundschule? [Update]

These: die Evolutionslehre soll schon an Grundschulen gelehrt werden.

Über den Blog Natur des Glaubens von Dr. Michael Blume bin ich auf einen interessanten Artikel gestoßen. Dabei geht es um das Vorhaben des Philosophen Michael Schmidt-Salomon, durch seine Initiative EvoKids und das Buch Big Family, zu erwirken, dass die Evolutionstheorie auch schon an den Grundschulen gelehrt wird.

evolutionstheorieDie Frage bleibt: warum?

Mir selbst war das noch gar nicht so bewusst, aber Blume hat in seinem Beitrag ein schlagendes Argument. Ich möchte das Argument in eigene Worte fassen und etwas erweitern:

Das Problem: bei Schülern und Schülerinnen der Mittel- und Oberstufe entsteht ein Bruch zwischen der Akzeptanz religiöser Schöpfungserzählungen (bei uns eben vor allem der biblischen) und einem neuzeitlichen, naturwissenschaftlichen, evolutionären Weltbild (dies ist auch empirisch feststellbar). Diese Diskrepanz entsteht vor allem dadurch, dass Schüler von Anfang an, also schon ab der ersten Klasse, im Religionsunterricht die Schöpfungserzählungen vermittelt bekommen. Da Kinder nach der religionspädagogischen Entwicklungspsychologie im Grundschulalter durch ihr konkret-operationales Denken diese Erzählungen für Fakten halten und erst mit ca. 12 bis 14 Jahren eine symbolische Deutung einnehmen, nehmen sie die Schöpfungserzählungen als Fakt hin. Der Bruch entsteht dann, wenn ab der Mittelstufe, die Evolutionstheorie gelehrt wird. Es kommt im Denken des Kindes zum Widerspruch mit dem zuvor Geglaubten, bzw. Gewussten. Solch ein Widerspruch ist in diesem Alter kaum aufzulösen und es wird schulischerseits auch kein Versuch der Hilfestellung gegeben. Daher kommt es zum Bruch und die Schöpfungserzählungen werden, was wahrscheinlich meistens geschieht, als bloße Lüge abgetan, oder die religiöse Sozialisation war schon so stark, dass es zu einer antirationalistischen, schlimmstenfalls fundamentalistischen Abwehr aller wissenschaftlicher Erkenntnis kommt. Die Evolutionstheorie wird dann als Erschütterung des eigenen festen Glaubens gesehen, was eine starke Verunsicherung bedeuten kann, derer man sich nicht aussetzen will.

Was wäre aber, wenn man schon Grundschülern parallel zum Religionsunterricht und dem damit verbundenen existentiellen Deutungszugang zum Leben (Warum-Frage), die wissenschaftliche Evolutionstheorie altersgerecht nahelegt, die vor allem die Wie-Frage klären möchte? Es könnte die Chance sein, die in unserer Gesellschaft doch latent vorhandene Vorstellung von der notwendigen Diskrepanz zwischen Religion und Wissenschaft, oder Theologie und Naturwissenschaft etc. zu überbrücken, wenn man es schafft hier Konvergenzen aufzubauen. Dazu ist es aber erst einmal nötig, dass Kinder auch so früh wie möglich mit der Evolutionstheorie konfrontiert werden.

Big Family

Das von Schmidt-Salomon und Anne-Barbara Kindler verfasste Buch Big Family – Eine phantastische Reise in die Vergangenheit (käuflich zu erwerben zum Beispiel im Denkladen), scheint dafür einen wirklich sinnvollen Einstieg zu bieten. Mit Hilfe eines Gedankenexperiments reisen die Kinder in die Vergangenheit ihrer Ur-Ur-Ur-…Ur-Großmütter und lernen, dass sie dadurch in einem jahrmillionenlangen Verwandtschaftsverhältnis zu anderen Lebewesen stehen. Sehr beeindruckend stellt dies auch dieser Film dar:

Die Notwendigkeit der Evolutionstheorie für die Theologie

Jesus und der DinosaurierDer katholische Systematiker John F. Haught hat einmal gesagt: „Nothing makes sense in theology except in the light of evolution (eig. Übersetzung: Nichts in der Theologie macht Sinn, außer im Lichte der Evolution).“ Ein sicherlich sehr zugespitztes Zitat. Aber langsam glaube ich, zu verstehen, was damit gemeint sein könnte.

Wenn wir die Evolutonstheorie als wissenschaftliche Theorie wirklich ernst nehmen, und warum sollten wir das nicht (?), dann müssen wir uns als Theologen auch darüber Gedanken machen, was es bedeutet, dass evolutionäre Kräfte in all unseren bekannten, emergenten Systemen am Wirken sind (ich denke hier auch an das menschliche Bewusstsein, Moral, religiöse Vorstellungen und Praktiken etc.). Wenn ich frage, was ist der Mensch, was ist Leid, was ist das Böse etc. ?, dann kann ich nicht theologisch darüber reden, wenn ich nicht auch die Evolutionstheorie in meine Überlegungen von Anfang an mit einbeziehe. Das Problem ist nur, wie bei so vielen wissenschaftlichen Theorien, und gerade in den Naturwissenschaften: es kommt auf die Details an! Aber über diese Details wissen Theologen meist wenig bis gar nichts. Wenn man die wichtigen Details aber außer Acht lässt, dann kommen beim theologischen Nachdenken über Evolution oft viele Strohmann-Argumente heraus.

Evolutionstheologie?

Besser, Systematiker holen sich so viele Details über die Evolutionstheorie, wie es ihrer Zeit und ihrem Können entspricht. Aber sich gar keine Details zu holen, ist m. M. n. fahrlässig! 2013 kam dazu ein wirklich hervorragendes Buch von Wolfgang Schreiner auf den Markt: Göttliches Spiel – Evolutionstheologie. Darin klärt Schreiner in den ersten 4 Kapiteln wirklich viele Details gerade für Geisteswissenschaftler und versucht auch in den letzten Kapiteln eine Synthese mit der Theologie. Ein ehrenwärter Beitrag eines Physikers und Mathematikers, der sich selbst als praktizierenden Christen bezeichnet.  Alleine das Video (Achtung: 318 Mb groß!) auf seiner Seite ist sehr sehenswert.

Auch im englisch-sprachigen Raum ist eine Initiative entstanden, bei der sich Menschen zusammentun, die sich selbst als gläubige Christen bezeichnen, aber die Evolutionstheorie als Fakt ansehen und versuchen, dieses Faktum auch theologisch zu verwerten. Die Initiative nennt sich Biologos.

Erst, wenn Theologen beginnen, die Evolution, bzw. evolutionäre Prozesse ernst zu nehmen, kann m. E. auch ein besserer Dialog mit den Naturwissenschaften glücken.

Update: Gerade bin ich auf diesen neuen Leitartikel des schweizer Astrophysikers Arnold Benz bei theologie-naturwissenschaften.de gestoßen. Auch dieser schlägt in eine ähnliche Kerbe. Sehr nachdenkenswert: Benzs schöpfungstheologischer Zugang zum Universum als Ikone!

 

Das Wort Gottes als Tat – Zusammenfassung Kirchliche Dogmatik #6

Rede Gottes als Tat

Karl Barth hat begonnen, sich über die dreifache Gestalt des Wortes Gottes (abgehandelt in §4), dem Wesen des Wortes Gottes zu nähern. Dabei bestimmte er als erstes das Wort Gottes als Rede. Davon abgeleitet, aber auch in spannungsvollem Kontrast dazu stehend, konkretisiert er nun das Reden Gottes weiter als wirkmächtige Tat.

Es könnte ja nun sein, so Barth (er denkt wohl noch nicht an die moderne Sprechakttheorie Austins und Searls), dass man ein bloßes Reden auch als bloße Selbstäußerung verstehen könnte, dass aber dann fraglich wäre, wie dann dies einen Eindruck auf den Menschen in Verkündigung und dem Lesen der Bibel machen sollte. Daher postuliert Barth, dass das Wort Gottes eben nicht einfach nur Rede ist, sondern als Rede auch Tat. Auch diesen Gedanken fächert er, wie schon zuvor immer wieder geschehen, triadisch, also dreifach auf. Weiterlesen

Auszug aus Karl Barths Kirchlicher Dogmatik #38

Das Wort Gottes ist freie Entscheidung und Wahl

„Das Wort Gottes ist nicht zuerst als Geschichte und dann und als solche auch noch als Entscheidung, sondern zuerst und grundlegend als Entscheidung und dann und als solche auch als Geschichte zu verstehen. […] Wir würden das Wort Gottes schlecht verstehen ohne die unbedingte Freiheit, in der es gesprochen ist; wir würden es aber noch einmal schlecht verstehen, wenn wir es als bloße Möglichkeit verstehen würden statt als gebrauchte Freiheit, als fallende Entscheidung, als geschehende Wahl.“

— KD I,1 S. 162f.

Auszug aus Karl Barths Kirchlicher Dogmatik #37

Das gewaltige Wort Gottes wird zuerst in der Kirche gehört und weitergegeben

„Wenn die Kirche glaubt, was sie doch zu glauben behauptet, dann ist sie der Ort, wo der Sieg Jesu Christi nicht das letzte, sondern das erste gehörte und weitergegebene Wort ist. Darum und so ist sie der Ort der Offenbarung, der Barmherzigkeit und des Friedens, der Berg Zion, nach welchem die Heiden, ob sie es wissen und wollen oder nicht, unterwegs sind. Die Kirche, die dieser Ort ist, wird der Welt etwas zu sagen haben und von der Welt ernst genommen werden.“

— KD I,1 S. 161

Auszug aus Karl Barths Kirchlicher Dogmatik #36

Dass das Wort Gottes Tat ist, zeigt sich an seinen Wirkungen

„Aus der Erkenntnis der Regierungsgewalt des Wortes Gottes muß sich nun folgendes ergeben: Wir reden vom Worte Gottes. Darum müssen wir von seiner Gewalt reden, von seiner Macht, von seinen Wirkungen, von den Veränderungen, die es hervorbringt. Weil das Wort Gottes Geschichte macht, darum ist es als Wort auch Tat.“

— KD I,1 S. 157